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Kommunikation - wenn Schweigen lauter wird als Worte

5. Sept.
3 Min. Lesezeit

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wir Menschen miteinander kommunizieren - oder eben nicht.


Eigentlich könnte man meinen, wir seien heute geschulter denn je. Wir sprechen über gewaltfreie Kommunikation, Ich-Botschaften, Grenzen setzen, Bedürfnisse wahrnehmen, Feedbackkultur und Selbstfürsorge. Wir lesen Bücher, hören Podcasts und besuchen Weiterbildungen.

Und trotzdem erlebe ich immer wieder Situationen, in denen Menschen sich entscheiden, gar nichts zu sagen.

Sie ziehen sich zurück.


Sie antworten nicht mehr. Sie weichen einem Gespräch aus oder verschwinden ganz aus dem Kontakt.


Heute nennen wir das gerne Ghosting.

Und ich frage mich: Warum fällt es uns manchmal so schwer, hinzustehen und sagen, was ist?


Kommunikation braucht Mut:


„Das passt für mich nicht.“

„Ich sehe das anders.“

„Das hat mich verletzt.“

„Ich brauche Abstand.“

„Ich möchte diesen Weg nicht weitergehen.“


Solche Sätze sind nicht immer angenehm – weder für die Person, die sie ausspricht, noch für diejenige, die sie hört.

Aber sie schaffen Klarheit.

Und vor allem: Sie geben dem Gegenüber die Möglichkeit, zu verstehen, einzuordnen, nachzufragen oder auch abzuschliessen.

Schweigen hingegen lässt einen leeren Raum zurück. Und diesen Raum füllen wir Menschen häufig selbst: mit Gedanken, Interpretationen und Fragen.


  • Was habe ich falsch gemacht?

  • Habe ich etwas übersehen?

  • Ist etwas passiert?


Aus heilpädagogischer Sicht finde ich das besonders spannend. Denn genau das, was wir Kindern täglich vermitteln möchten, fordert uns als Erwachsene manchmal selbst heraus.


Wir möchten, dass Kinder lernen, ihre Bedürfnisse auszudrücken. Dass sie sagen können, wenn ihnen etwas zu viel wird. Dass sie Konflikte austragen, Grenzen wahrnehmen und respektieren und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.


Doch Kinder lernen Kommunikation nicht nur durch das, was wir ihnen erklären. Sie lernen sie vor allem durch Beziehung und durch unser Vorbild.


Und was hat das mit Kinesiologie zu tun?


Für mich sehr viel.

Kommunikation beginnt nämlich nicht erst beim gesprochenen Wort.

Sie beginnt bei der Wahrnehmung:


Was geschieht gerade in mir?

Kann ich meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse überhaupt wahrnehmen? Kann ich bei mir bleiben, wenn mein Gegenüber anders denkt? Kann ich Spannung aushalten, ohne sofort in Angriff, Rechtfertigung oder Rückzug zu gehen?

Unter Stress stehen uns diese Möglichkeiten manchmal nur eingeschränkt zur Verfügung.

Unser System reagiert.

Kampf. Flucht. Erstarren.

Manche Menschen werden laut. Andere rechtfertigen sich. Wieder andere ziehen sich zurück oder vermeiden die Situation vollständig.


Aus kinesiologischer Sicht interessiert mich deshalb nicht nur: Was sagt ein Mensch?

Mich interessiert auch:


  • Was passiert im System dieses Menschen, wenn Kommunikation schwierig wird?

  • Welche Erfahrungen werden aktiviert

  • Welche Stressmuster laufen ab?

  • Wo fällt es schwer, in der eigenen Mitte zu bleiben und gleichzeitig mit dem Gegenüber in Verbindung zu bleiben?


Für mich bedeutet gute Kommunikation deshalb nicht, immer die perfekten Worte zu finden.

Und sie bedeutet schon gar nicht, immer einer Meinung zu sein.

Gute Kommunikation bedeutet für mich, bei mir bleiben zu können und trotzdem in Beziehung zu bleiben.


Vielleicht darf ich sagen: „Ich sehe das anders.“

Vielleicht darf mein Gegenüber enttäuscht sein.

Vielleicht muss ein Gespräch auch einmal unangenehm sein.

Das auszuhalten, gehört für mich zu einer reifen Kommunikation.


Hinstehen statt verschwinden

Ich glaube, wir dürfen unseren Kindern – und vielleicht manchmal auch uns selbst – wieder mehr zutrauen.

Hinstehen.

Wahrnehmen, was in mir passiert.

Worte dafür finden.

Eine Grenze setzen.

Eine andere Meinung stehen lassen.

Und manchmal auch sagen: „Ich weiss gerade nicht, wie ich das formulieren soll, aber ich möchte es versuchen.“

Das ist vielleicht nicht perfekt.

Aber es ist ehrlich, klar und menschlich.


Denn Kommunikation bedeutet für mich nicht nur, Worte auszutauschen.

Kommunikation bedeutet Begegnung.

Und echte Begegnung entsteht dort, wo ich den Mut habe, mich zu zeigen – und meinem Gegenüber denselben Raum zugestehe.

 
 
 

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